Ilaria lebt im Meer auf Sardinien

Ilaria lebt im Meer auf Sardinien



Mein Mann hat mich dazu bewegt unsere Geschichte zu erzählen.
Wir waren im Urlaub auf Sardinien. Ich war in der 37 ssw als wir die Rückfahrt mit der Fähre antreten wollten. Vorher sollte es noch einen „Checkup“ von unserem kleinen Mädchen geben.

Viele fragen sich bestimmt warum ich noch so spät im Urlaub, kurz vor ET war.
Dazu muss man wissen, dass wir jedes Jahr dort sind, im Ferienhaus der Schwiegereltern und dort viele Bekannte und Freunde haben und sehr gut vernetzt sind, falls zb auch die Geburt dort los gegangen wäre.
Zudem war meine Schwiegermutter, auch ehemals praktizierende Frauenärztin, dabei. Ich hätte somit auch dort im Krankenhaus ohne Bedenken entbunden.

Zurück zum Termin für den „Checkup“ im Krankenhaus.
Es wurde erst ein ctg gemacht und danach ein Ultraschall.
Die Frau welchen diesen durchführte ging weg und holte einen anderen Arzt.
Beide sahen auf den Bildschirm und redeten auf italienisch miteinander. Ich verstand nichts.
Mein Mann musste in der Zeit draußen warten mit meinen Schwiegereltern.
Auf einmal kamen immer mehr Ärzte ins Zimmer, es waren sicher acht im Raum und niemand sagte was los ist.
Ich wusste tief in mir drin bereits was los ist . Mein Mann wurde rein geholt und meine Schwiegermutter ,welche Italienisch spricht. Mein Mann sagte , „was ist denn bitte , kann uns mal jemand sagen was eigentlich los ist?!“.
Ich musste schlucken, denn ich wusste was sie sagen würden.
Ich spürte es am ganzen Körper.
Das schlimmste , das wovor ich die ganze Schwangerschaft am meisten Angst hatte, war wirklich passiert.
Ihr Herz schlug nicht mehr. Unser wertvollster Besitz. Ich konnte nichts sagen. Meine Schwiegermutter sprach es dann unter Tränen aus und ich musste sofort dort bleiben damit die Geburt eingeleitet werden konnte. Ich verstand erst bei der Besprechung, dass ich das Kind natürlich auf die Welt bringen musste damit Komplikationen vermieden werden konnten.
In diesem Moment brach ich innerlich zusammen. Ich weinte, verstand , dass vor allem nicht nur unsere Tochter tot war , sondern auch noch, dass ich sie auf natürlichem Weg entbinden musste.
Ich wusste nicht wie ich das über mich bringen sollte und fragte ob es keine andere Möglichkeit gäbe und es wurde verneint. Es wäre zu gefährlich. Wenn ich nochmal vor hätte Kinder zu bekommen gäbe es nur diese Möglichkeit.
Meine Schwiegermutter sagte :“ Es ist schlimm und furchtbar, ich weiß aber du musst da jetzt durch , du schaffst dass“.
Ich rappelte mich auf und wusste dass sie recht hatte. Ich würde es irgendwie schaffen. Ich hatte keine Wahl und natürlich würde ich irgendwann immer noch eine Familie wollen.
Es ging also los und ich bekam Mittel welche die Geburt einleiteten. Gefühlte tausend Strohmschläge gingen durch meinen Körper , so schmerzhaft waren die eingeleiteten Wehen. Ich habe danach noch zwei weitere Kinder spontan entbunden und niemals hatte ich auch nur annähernd solche Schmerzen. Mein Mann machte sich große Sorgen.
Als ich im Kreißsaal ankam wurde bei mir acht mal die pda falsch gesetzt. Unter extrem kurzen Wehenabständen sollte ich ruhig sitzen. Ich habe einfach versucht so gut es geht mitzuarbeiten um alles schnell hinter mich zu bringen. Ich funktioniere einfach nur noch. Die Geburt war sehr schnell und kurz , ca 1 Stunde. Allerdings auch hier waren die Schmerzen unbeschreiblich, denn ein lebendiges Kind dreht sich durch den Geburtskanal mit raus , aber kein totes Kind. Es hing mit der Schulter fest und ich werde nie vergessen wie sehr ich darum gebettelt habe, dass sie nachspritzen. Sie haben sich damit viel Zeit gelassen , erst als mein Mann Druck machte spritzten sie. Ich hatte das Gefühl ich zerreiße und ich verlor sehr viel Blut. Während der gesamten Zeit durfte ich nichts trinken. Es war wie eine Folter, als würde ich verdursten. Angeblich würden dann die Schmerzmittel zu wenig wirken, war das Argument.

Wir hatten uns entschieden sie nicht sehen zu wollen als sie da war.
Mein Kreislauf kollabierte und mir war eiskalt. Ich wollte sie sehen, im Arm halten , aber ich wusste nicht wie ich das hätte verkraften sollen.
Ich wusste dass ich sie nicht bei mir behalten konnte . Mein Mann sah nur ihre dunkelbraunen , fast schwarzen Haare. Schon das war fast zu viel für ihn.

Ilaria wurde von Anfang an geliebt. Es war schließlich nur ihr Körper der nicht mehr lebte aber für uns war sie so oder so ein Familienmitglied. Wir mussten sie dafür nicht sehen. Nicht um zu wissen, dass sie wirklich da war.

Wir haben sie in Sardinien einäschern lassen und sie auf einem Boot übers Meer verstreut. Es war so schön wie es nur sein konnte. Die Asche fand sich im Meer zusammen und huschte davon wie ein Fisch. So etwas habe ich noch nie gesehen und die beiden Bestattungsunternehmer sagten , dass dies nur bei guten Seelen passieren würde. Unsere kleine Ilaria lebt im Meer auf Sardinien. Wir hätten ihr kein schöneres zu Hause aussuchen können.
Viele fragen sich bestimmt ob ich nicht gemerkt hätte, dass sie gestorben ist. Dazu kann ich zum einen sagen , dass sie immer sehr ruhig war und nie sehr agil war. Aber mich beunruhigte es immer. Ich wurde nie das Gefühl los dass was nicht stimmte. Zudem hatte ich wenige Tage vorher den Traum , dass ich nicht mehr schwanger wäre. Weswegen ich nachts schweißgebadet wach wurde. Ich vermute, dass sie in dieser Nacht gestorben ist. Die Autopsie hat nichts ergeben. Sie war kerngesund und es gab nichts auffälliges. Auch Bluttests von mir danach und ein Gentest von uns waren einwandfrei. Es gab also keine Erklärung. Nichts was man hätte anders machen können. Nichts was nicht wieder passieren könnte oder hätte verhindern können. Es war schwer diese Tatsache zu akzeptieren.an denkt nie dass einem selbst so etwas passieren würde. Doch trotzdem wollten wir immer noch eine Familie gründen.
Unerwartet schnell wurde ich nach drei Monaten erneut schwanger. Ich beschloss Ilaria einen Brief, am Gedenktag der Toten, zu schreiben. Einen Abschiedsbrief. Allerdings schreibe ich ihr inzwischen jedes Jahr an diesem Tag, damit sie immer weiß was hier so los ist ;).
Nur ein Jahr später , einen Tag nach ihrem Geburtstag, wurde unser Sohn geboren. An ihrem Geburtstag lag ich schon in den Wehen. Ohne Komplikationen und kerngesund wurde dann unser Sohn Noël geboren. 1,8 Jahre später sein Bruder. Ebenfalls kerngesund und ohne Komplikationen. Leider musste ich in beiden Schwangerschaften Heparin spritzen. Dass wird immer verordnet wenn nicht klar ist warum das erste Kind gestorben ist.

Ich möchte unsere Geschichte erzählen um allen Mut zu machen. Es lohnt sich nicht aufzugeben und an das Gute zu glauben. Man hat selbst in der Hand wie es weiter gehen soll nach so einem schweren Schicksalsschlag. Ich hätte mir keine größere Stütze als meinen Mann wünschen können. Er hat in dieser schweren Zeit für mich geatmet, mich gehalten und geliebt.
Noch im Krankenhaus sagte er, dass er nicht will, dass dies irgendwas zwischen uns ändert. Ich wusste auch da genau , dass würde es niemals. Nichts geschieht ohne Grund , auch wenn man es nicht immer direkt versteht. Ich glaube es hat uns getroffen, weil wir stark genug waren es zu schaffen. Einander Halt zu geben in dieser schweren Zeit. Trotzdem noch daran zu glauben dass das Leben lebenswert und schön ist. Dies war nur ein Abschnitt, ein Teil. Er hat uns geholfen zu verstehen was wirklich im Leben zählt. Wo die Prioritäten liegen sollten. So schlimm es auch war. Es hat uns weiter gebracht und stärker gemacht. Wie hätten wir sonst zwei so wundervolle Söhne haben können?! Wir kannten das Risiko , wir wussten, es wird keine Garantie für ein gesundes Kind geben und trotzdem wollten wir nochmal diese Reise antreten. Ich kann nur sagen , es hat sich sowas von gelohnt.
Danke fürs lesen.


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