Mein Engel Tom

Mein Engel Tom


Als ich am Montag, den 24.Januar gegen 22h ins Bett ging ahnte ich noch nicht das die Nacht, die Schlimmste meines Lebens werden würde. Ich hatte meinen Bauch wieder mit Öl eingerieben, lag auf meinem Stillkissen und sah fern. Tom tanzte wieder in meinem Bauch und ich rede ein wenig mit ihm. Gegen 23h musste ich noch einmal auf Toilette, wie es in der letzten Zeit häufiger vorkam. Ich legte mich wieder hin und schlief dann auch bald ein. Gegen 0h wurde ich wieder wach und musste wieder aufs Klo. Mein Vater, der im Wohnzimmer noch fern schaute, meinte ich könnte mir ja eine Pipeline zum Klo machen. Ich lachte und erklärte, dass es doch normal sei, dass ich so oft muss. Ich schlief wieder schnell ein doch gegen 1h wurde ich wieder wach. Aber diesmal war irgendetwas anders. Ich hatte ein richtiges Ziehen im Rücken. Es tat höllisch weh doch ich versuchte weiter zu schlafen. Nach einer Stunde hin und her Gewälze machte ich mir dann doch so langsam Gedanken. Ob das die Wehen sind? Dabei war der errechnete Termin erst in vier Wochen. Oder eher in 3 Wochen. Tom sollte am 15. Februar per Kaiserschnitt geholt werden, da er in Beckenendlage lag und durch zu wenig Fruchtwasser es auch nicht schaffen würde sich zu drehen. Die Schmerzen hörten nicht auf, also entschloss ich mich meine Mom zu wecken. Ich wohne derzeit bei meinen Eltern, da durch das Hochwasser im Ahrtal meine Wohnung nicht bewohnbar ist. Ich weckte sie also und meinte das es wohl losgehen würde. Ich wollte aber vorher nochmal im Krankenhaus anrufen und das abklären. Am Telefon hatte ich die liebe Luisa dran und sie meint ich solle mal vorbeikommen und wir würden dann mal schauen. Also habe ich mich angezogen, meinen Koffer genommen (der war seit ein paar Tagen dann endlich mal fertig gepackt) und mich ins Auto gesetzt. Die Schmerzen hatten immer noch nicht aufgehört und ich versuchte während der gesamten Fahrt ruhig aus und einzuatmen. Nach 15 Minuten kamen meine Mutter und ich am Krankenhaus an.

Wir meldeten uns am Empfang an und konnten dann direkt durch in den Kreißsaal. Luisa begrüßte uns. Ich habe mich direkt sehr gut aufgehoben gefühlt. Luisa hatte eine tolle Art. Ich sollte mich doch mal hinlegen und dann würde sie mich untersuchen. Sie fühlte meinen Muttermund, doch der war noch keinen Zentimeter geöffnet. Sie tastete meinen Bauch und auch da sah alles gut aus. Sie holte das CTG-Gerät und legte es mir an. Ich fand es schon ein wenig komisch, dass überhaupt nichts zu hören war. Aber okay dachte ich, man muss es ja auch erstmal einschalten. Luisa hantierte noch ein wenig an dem Gerät herum und ging dann aus dem Raum. Sie kam mit einer Ärztin rein, die einen Ultraschall machte. Irgendwie wurde ich ein wenig nervös. Es war auf einmal so ruhig im Raum. Oder kam mir das nur so vor. Luisa kniete sich vor mich und sah mich an. “Ich muss dir etwas sagen Liebes. Wir können keine Herztöne mehr hören.” Was??? Hat sie das gerade wirklich gesagt? Meine Mom fing an zu weinen. Ich wusste nicht was gerade los war. Lag einfach nur da und wusste nicht was das zu bedeuten hatte. Keine Herztöne? Mein kleiner Tom. Das kann nicht sein, das darf nicht sein. Du bist doch mein kleines Wunder. Ich hatte doch nie im Leben mehr damit gerechnet, dass ich schwanger werden könnte. Und jetzt das? Nein, das geht nicht. Die müssen sich irren. Wie kann das sein? Es war doch alles immer gut. Keine Auffälligkeiten. Tom war ein bisschen klein und leicht ja, aber das waren wir in unserer Familie alle. Mein Kopf war völlig leer. Luisa gab mir etwas um meine Schmerzen zu lindern, aber irgendwie spürte ich die gar nicht mehr. In mir war einfach nur Leere und alles stumpf. (Später erfuhr ich von den Ärzten, dass Tom einen großen Knoten in der Nabelschnur hatte, der sich zugezogen hatte. Dadurch war die Versorgung nicht mehr da und sein Herzchen hat aufgehört zu schlagen.) Luisa kam zu mir und meinte, dass wir jetzt besprechen müssten wie wir weiter vorgehen sollen. Wir könnten Tom jetzt per Kaiserschnitt holen oder die Geburt einleiten und ihn auf normalem Wege holen. Das wäre für mich die bessere Lösung.

Da ich keine Ahnung hatte was ich tun sollte, meinte Luisa das wir erstmal noch ein bisschen an die Luft gehen könnten um das alles zu verdauen. Die Ärztin und Luisa ließen uns einen Moment alleine. Ich rief meinen Vater an. Total emotionslos knallte ich ihm an den Kopf, dass Tom nicht mehr leben würde und wir uns jetzt entscheiden müssen was wir machen. Ich glaube er hat überhaupt nicht verstanden, was ich ihm gerade gesagt habe, aber ich konnte ja selber nicht klar denken. Heute tut es mir unendlich leid, ihm das einfach so vor den Latz geknallt zu haben. Unser Telefonat hat noch nicht mal 3 Minuten gedauert. Luisa kam zurück, setzte mich in einen Rollstuhl, gab mir eine Kotztüte, da mir mittlerweile richtig schlecht war und meine Mom und ich rollten an die Luft. Ich weiß gar nicht mehr, ob wir überhaupt geredet haben. Weinen konnte ich nicht. Ich musste mich übergeben. Dabei musste wohl die Fruchtblase geplatzt sein, denn auf einmal wurde alles feucht unter mir. Wir entschlossen uns wieder rein zu fahren. Luisa half mir meine Hose auszuziehen uns legte mich wieder aufs Bett. Da ich mich für die normale Geburt entschieden hatte, wollte sie gleich kommen und mir wehenfördernde Mittel geben. Sie fragte mich ob ich einen Fotografen haben wollte, der Tom nach der Geburt dann mit mir fotografiert. Ja das möchte ich. Ich möchte schöne Fotos von meinem Baby haben. Luisa ging und meine Mama und ich waren wieder alleine. Ich rief gegen zwanzig nach sechs meine beste Freundin an. Sie ging gut gelaunt ans Telefon und auch ihr knallte ich wieder total emotionslos an den Kopf, dass Tom keine Herztöne mehr hat und wir jetzt die Geburt einleiten und ich mich melde, wenn alles vorbei ist. Auch hier war das Gespräch nicht länger als 4 Minuten. Die Ärztin kam noch einmal rein um mich zu untersuchen. Danach sollte ich mich auf eine andere Liege legen. Als ich aufgestanden bin, floss Blut an meinen Beinen runter. Dann ging auf einmal alles ganz schnell. Ich wurde in einen OP geschoben um mich rum ganz viele Leute. Was ist denn nun los? Ich wusste überhaupt nichts mehr. Ich hörte viele Stimmen. “Ich bin der und mache jetzt das, ich bin die und mache jetzt das” Was wollten die denn alle von mir?
Mir wurde schlecht und ich sagte, dass ich kotzen muss. Man drehte mich zur Seite und ich übergab mich 2-mal. Dann hörte ich die Ärztin sagen, die mich vorher schon untersucht hatte: “Es wird jetzt kalt.” Ich spürte einen stechenden Schmerz und dann gar nichts mehr. Einfach nichts mehr....

Ich wurde wieder wach als man mir etwas aus dem Mund nahm. Über mir hing eine Uhr. 8.15h. Oh wow, das ging jetzt aber alles schnell. Eine Pflegerin kam und fragte ob ich mit meiner Mom sprechen wollte. Sie wäre am Telefon. Ich wollte etwas sagen aber es kam kein Ton raus. Ich war sehr irritiert als die Schwester zu meiner Mutter sagte: “Sie kann noch nicht sprechen aber sie können gegen halb fünf vorbeikommen.” Hä? Es ist doch erst 8.15h!! Wieso erst um halb fünf? Die Schwester ging und kam nach einiger Zeit wieder. Sie fragte mich wie es mir geht, doch ich sagte nur dass ich mein Baby sehen möchte. Klar könnte ich Tom sehen, dafür müsste ich aber in einen anderen Raum, damit ich alleine mit ihm bin. Und ob meine Mutter mit dabei sein sollte. Auf jeden Fall. Ich brauche meine Mama. Gerade jetzt. Gegen halb 10 wurde ich in einen anderen Raum geschoben. Vorher musste man mich aber noch von einigen Kabeln befreien und da bemerkte ich erst dass ich in beiden Händen und in meinem Hals einen Zugang hatte. Ich fühlte mich noch total benebelt als meine Mama kam. Das Sprechen viel mir schwer. Ich fragte sie, wie Tom aussieht und sie meinte, dass mein kleiner Mann ein richtig hübscher Kerl ist. Irgendwann kam mir in den Sinn, dass ich ja am nächsten Tag noch einen Termin bei meinem Frauenarzt hatte und ich sagte meiner Mutter, dass sie ihn doch bitte anrufen sollte um den Termin abzusagen. Da meinte sie: “ Der Termin ist heute, aber der Doktor weiß schon Bescheid. Sie haben ihn gestern schon angerufen.” Wie gestern? Was habe ich da denn jetzt schon wieder nicht gerafft? Meine Mutter musste mir erstmal klar machen, dass ich den gesamten Dienstag am Beatmungsgerät gehangen habe. Und es jetzt schon Mittwoch ist. Warum? Was war denn nur passiert?

Man erklärte mir, dass ich einen kompletten Plazentaabriss und noch einen Riss in der Gebärmutter hatte und dadurch so viel Blut verloren habe, dass ich fast verblutet und gestorben wäre. Sie mussten mir Bluttransfusionen geben und haben mich sediert, damit mein Körper zur Ruhe kommt. Oh man, reicht es denn nicht, dass mein kleiner Mann nicht mehr lebt? Wieso das jetzt auch noch? Viel Zeit um darüber nachzudenken hatte ich nicht, denn die Tür ging auf und Luisa kam mit meinem Tom herein. Sie hatte ihn in einem Handtuch. Irgendwie wurde es mir heiß und kalt. Ich wusste nicht was jetzt auf mich zu kommt. Luisa kam ganz nah ans Bett und zeigte ihn mir. Ein paar Tränen flossen aber zu mehr war ich nicht fähig. “Ich habe ihn nicht angezogen, damit du siehst wie wunderschön er ist!”, sagte sie. Sie nahm ihn aus dem Handtuch und gab ihn mir. Er war so kalt. Aber das war mir egal. Er war das schönste Baby, das ich je gesehen habe. Mein Baby. Mein Tom. Ich wusste nicht wie ich mit ihm umgehen sollte. Hatte Angst irgendetwas falsch zu machen. Durch die vielen Medikamente war ich noch nicht richtig wieder da. Es lief alles ab wie in einem Film. Meine Mama machte ein paar Bilder, aber irgendwie war ich immer noch ziemlich abwesend. Ich hatte zwar meinen kleinen Schatz im Arm, trotzdem fühlte ich mich in dem Moment sehr stumpf. Tom blieb den ganzen Tag bei mir. Lag eine Zeit lang an meinen Füssen und eine Zeit lang in einem Bettchen. Ich war noch sehr, sehr müde. Meine Mama erzählte mir, dass Oliver, der Sternenfotograf gestern schon da war und ganz viele wunderschöne Bilder von Tom gemacht hat. Er hat alles fotografiert, damit ich jedes kleine Detail in Erinnerung behalten kann. Seine Händchen, seine Füßchen, seine Ohren einfach jede kleine Falte. Meine Mama hat sich so toll um Tom gekümmert, weil ich es ja nicht konnte. Sie hat die Nabelschnur durchgeschnitten, hat ihn gewaschen, gewogen, gemessen, ihn angezogen und ihn dann stundenlang im Arm getragen während sie nicht wusste was mit mir ist. Ich bin ihr so unendlich dankbar dafür. Ohne sie hätte ich jetzt nicht so wunderschöne Erinnerungsbilder von ihm.



Oliver hat wirklich alles festgehalten. Mir fehlt zwar dieser ganze Tag, aber die Bilder zeigen mir alles, als ob ich dabei gewesen wäre. Und sie zeigen mir, was für einen tollen Sohn und was für eine tolle Mama ich habe. Abends wurde Tom von einer Schwester abgeholt. Ich war so fertig, müde, platt und ausgelaugt und habe nur geschlafen.

Am nächsten Tag gegen Mittag durfte ich die Intensivstation verlassen und wurde auf die Normalstation verlegt. Ich kam in ein Familienzimmer damit meine Mama die ganze Zeit bei mir bleiben konnte. Oliver kam gegen 17h. Da ich ihn ja noch nicht kannte stellte er sich vor und ich fühlte mich direkt aufgehoben bei ihm. Er war so einfühlend und wusste die richtigen Worte zu sagen. Es war direkt eine Verbundenheit da. Wir warteten darauf, dass mir Tom gebracht wurde. Diesmal hatte ich überhaupt keine Berührungsängste. Er sah so friedlich aus. Als würde er schlafen. Oliver begann Fotos zu machen, aber ich bemerkte ihn überhaupt nicht. Hörte noch nicht mal das Klacken der Kamera. Ich hatte nur Augen für meinen Tom. Es gab nur noch ihn und mich. Ich lachte, ich weinte, es kamen einfach alle Gefühle hoch, die gestern nicht kommen wollten. Es war der traurigste, aber auch der glücklichste Tag in meinem Leben. Ich bin jetzt eine Mama, wurde mir da erst richtig bewusst. Ja eine richtige Mama. Und Oliver hat diese Gefühle alle in seinen Bildern festgehalten. Ich bin ihm so, so dankbar. Das kann man gar nicht in Worte fassen. Ich bin so froh, dass es Menschen wie ihn gibt. Ohne die Fotografen würden viele Erinnerungen irgendwann verblassen. Klar habe ich Tom immer im Herzen aber die Bilder zeigen ihn mir und das ist so viel wert und einfach was ganz, ganz besonderes.

Am Freitag konnte ich Tom noch einmal sehen, da er samstags von der Bestatterin abgeholt werden sollte. Wir hatten ihn ca. 3 Stunden bei uns. Als ich mich dann für immer von ihm verabschieden musste, brach es mir das Herz. Ich wollte ihn nicht gehen lassen, wollte ihn mit nach Hause nehmen, wollte ihn einfach nicht mehr loslassen. Doch es musste sein. Es wird alles nur noch viel schwerer, sagte ich mir und so brachte die Schwester Tom aus dem Zimmer. Ich weinte bitterlich in den Armen meiner Mama. Auch sie weinte. Es tat so weh meinen kleinen Mann los zu lassen. So unendlich weh. Wir hielten uns lange fest und redeten miteinander.

Etwas später kam ein Arzt und meinte, dass ja soweit alles gut bei mir aussieht, dass ich eventuell am Samstag, also morgen nach Hause kann. Das waren doch mal erfreuliche Nachrichten. Denn so schlimm wie alles ist und war, zu Hause bin ich in meiner gewohnten Umgebung kann meine Geschwister, meine Nichten und meinen Neffen, meine Familie und meine Freunde sehen. Denn die brauche ich alle. Doch es sollte leider anders kommen....

Am Samstagmorgen bekam ich nicht richtig Luft. Eine Ärztin kam und untersuchte mich. Ich wurde direkt runter zum CT gebracht. Es stellte sich heraus, dass ich Wasser in der Lunge und im Herzen hatte, meine rechte Herzklappe hochgradig nicht mehr schließt, ich Vorhofflimmern hatte und auch noch Bluthochdruck. Also wieder ab auf die Intensivstation. Die Ärzte konnten sich nicht erklären, wo das auf einem alles herkam. “Aber was denken Sie denn?”, habe ich zu ihnen gesagt, “mein Herz ist gebrochen. Wie soll man denn sowas sonst verarbeiten? Mein Sohn ist tot!” Sie kümmerten sich alle echtrichtig einfühlend um mich. Ich bekam Sauerstoff und Entwässerungstabletten. Die Tabletten sollten helfen, damit meine Lunge nicht punktiert werden musste. Das klappte zum Glück auch. Nach zweieinhalb Tagen konnte ich wieder auf die Normalstation. Dort musste ich noch bis Samstag bleiben, da noch die gynäkologische Abschlussuntersuchung und ein Herzultraschall gemacht werden sollte. Auch das war dann zum Glück unauffällig. Die Herzklappe hatte sich auch regeneriert und so konnte ich samstags nach Hause.

Freitagabend ging ich noch einmal auf die Intensivstation und bedankte mich bei dem gesamten Team, dass sie mir so sehr geholfen hatten. Sie alle haben mit mir gelitten und ihr allerbestes gegeben, dass ich alles überstehe. Danach gingen meine Mutter und ich noch in den Kreißsaal. Ich wollte mich bei Hebamme Judith bedanken. Ich kannte sie zwar nicht, aber sie war den ganzen Dienstag für meine Mama da und hat ihr mit Tom geholfen. Als Judith meine Mama sah, mussten wir alle drei direkt weinen. Ich bedankte mich immer und immer wieder. Für alle war die gesamte Situation nicht einfach, denn sowas kommt zum Glück nicht so oft vor. Alle waren froh, dass ich jetzt nach Hause konnte.

Aber ich hatte echt Angst. Für meinen kleinen Tom war zu Hause alles so gut wie vorbereitet. Die Wiege, in der er anfangs schlafen sollte, stand in meinem Zimmer und auch die Klamotten waren schon nach Größen sortiert und bereitgelegt. Das Krankenhaus war meine kleine Blase in der ich geschützt war. Alle Schwestern und Pfleger haben ihr Bestes gegeben, damit es mir “gut” ging. Doch diese Blase konnte oder eher musste ich jetzt verlassen.

Vor dem Krankenhaus, als wir auf meinen Vater warteten, trafen wir meinen behandelnden Frauenarzt. Als ich ihn sah weinte ich so sehr, dass er mich ganz fest in den Arm genommen hat. Das hat mir so gutgetan. Aber ihm glaube ich auch. Denn im Krankenhaus darf man ja momentan, dank Corona, nicht so nahen Kontakt haben. Aber da war es uns einfach egal.

Vor der Haustür meiner Eltern musste ich erstmal richtig Luft holen. Irgendwie wollte ich da nicht rein. Aber es blieb mir ja nichts anderes übrig. Ich verbrachte den Tag auf der Couch und schaute fern. Ich wollte einfach an nichts denken. Abends wollte noch die Bestatterin vorbeikommen.
Meine Mutter und ich haben noch ein paar Klamotten für Tom rausgesucht, weil wir Tom wohl doch noch einmal sehen konnten. Und ich wollte ihm noch etwas Schönes anziehen. Wir wühlten in den Sachen und fanden irgendwie nichts. Alles war auf einmal nicht schön genug. Dabei hatten wir doch erst so viele schöne neue Sachen gekauft. Nichts gefiel mir. Alles sah blöd aus.Wir fanden dann doch etwas. Inna, die Bestatterin, kam dann gegen halb sechs und wir sprachen über Toms Begräbnis. Über die Musik und was ich mir so vorstellen würde. Ich hatte mir im Krankenhaus schon einige Gedanken gemacht. Musik hatte ich schon gewählt. Mein Bruder hat ein Instrumentalstück auf der Gitarre für Tom geschrieben und es war mir von Anfang klar, das muss laufen. Als zweites Lied wählte ich WinterBear! Oliver hatte mir ein Video mit Bildern und Bewegtbildern zusammengeschnitten, welches mit diesem Lied untermalt wurde. Dieses Lied passt einfach zu 100 % und die Interpretin hat es ja auch für Sternenkindereltern geschrieben. Nach dem Gespräch meinte Inna, wenn ich wollte könnten wir jetzt direkt zu Tom fahren. Ich muss gestehen, ich war in diesem Moment total überfordert. Doch es war klar. Wir fahren jetzt!! Keine Frage. Natürlich. Ich wollte auf jeden Fall mein Baby nochmal sehen. Im Bestattungshaus angekommen brachte Inna mir meinen kleinen Schatz. Und ich war glücklich. Einfach nur glücklich und so unendlich dankbar, dass ich meinen Engel nochmal sehen konnte, ihn berühren konnte, ihn küssen konnte. Ich fing an ihn umzuziehen und als ich fertig war fand ich doch, dass ich die richtigen Klamotten für ihn ausgesucht hatte. Eine grau-weiß gestreifte Hose, einen weißen Pulli und eine kleine blau-weiße Mütze. Er sah so cool aus. Mein kleiner Rocker! Es tat so gut ihn festzuhalten ohne Krankenhaus, ohne Nadeln im Arm, ohne auf dem Krankenhausbett zu sitzen. Ich stand da und wiegte ihn und küsste ihn, redete mit ihm und schimpfte auch ein wenig mit ihm. Warum er denn nicht bei mir sein wollte habe ich ihn gefragt. Ich weinte und lachte gleichzeitig, denn mir war bewusst, dass ich ihn heute wirklich das allerletzte Mal sehen würde. Es tat weh, aber es tat auch gut, zu wissen wo er jetzt hinkommen würde. Ich wickelte ihn in eine kleine Decke und Inna legte ihn in den bereitgestellten Sarg. Da lag er nun, so friedlich. Ein kleiner Stern und sein Esel lagen bei ihm. Wieder und wieder küsste ich ihn und streichelte ihn. Es war soweit. Der Abschied war gekommen. Noch einmal beugte ich mich zu ihm, gab ihm einen dicken Kuss, sagte ihm wie sehr ich ihn liebe und ließ ihn gehen. Es tat so weh, aber dennoch ging ich mit einem guten Gefühl nach Hause. Es war so wichtig für mich, dass ich ihn nochmal sehen konnte. Sehen konnte, wie er in seinem Himmelskistchen liegt. Ich glaube dadurch wurde es mir ein wenig leichter ums Herz.

Als der Tag der Beerdigung kam, es war Montag der 14. Februar, war ich den ganzen Morgen sehr ruhig. Meine Eltern und ich hörten uns die ganze Zeit die Lieder an, die nachher abgespielt werden sollten, und weinten. Um 13h machten wir uns auf den Weg. Wir holten meine beste Freundin ab und fuhren dann zum Friedhof.

Ich hatte Oliver gebeten, wenn er es einrichten könnte, auch auf die Beerdigung zu kommen um ein paar Fotos zu machen. Er hatte sich vorab mit Inna abgesprochen und schon vorher ein paar Bilder gemacht. Wir waren nicht viele. Meine Eltern, meine Schwester, ihr Mann und meine kleine Nichte. (Mein Neffe und mein Patenkind wollten nicht kommen, da sie es nicht verkraftet hätten) Mein Bruder und seine Freundin und meine beste Freundin. Mehr wollte ich nicht, mehr packte ich nicht. Das wäre mir alles zu viel geworden. Wir waren alle in bunt gekleidet. Ich wollte kein Schwarz. Das passt nicht. Wir sind nun mal ein bunter Haufen. Inna hatte alles so liebevoll hergerichtet. Schmetterlinge, einen großen Teddybären, kleine Spielzeugautos, Engelchen. Es sah richtig schön aus. Das Lied meines Bruders lief schon und der kleine Sarg stand da. Vor ihm ein großes Bild von Tom. Jeder sollte ja meinen kleinen, süßen Mann sehen. Trotzdem war alles irgendwie so unwirklich. Ich hockte mich zu dem kleinen Himmelskistchen hinunter und musste erstmal weinen.

Immer und immer wieder sagte ich Tom, dass ich ihn liebe und er auf uns alle jetzt aufpassen soll. Auf einmal zog eine richtig heftige Windböe durch. Die Rosen, die mit Tom ins Grab sollten, fielen aus ihrer Schale, die Rosenblätter flogen durch die Gegend und auch Toms Bild fiel fast um. “Du machst das richtig kleiner Mann”, dachte ich, “zeig denen da oben mal wie das geht.” Danach kam die Sonne raus und schien direkt auf sein Grab. Das war für mich ein schönes Zeichen. Inna ließ Tom in die Erde. Alle weinten. Ich küsste eine weiße Rose, die ich dann zu ihm legte. Genau wie den Brief, den ich den Abend vorher für ihn geschrieben habe. Nach und nach verabschiedeten sich auch alle anderen von Tom, von ihrem Enkelchen, ihrem Neffen, ihrem Großcousin und Patenkind. Doch das bekam ich gar nicht richtig mit. Ich lag bei meinem Schwager im Arm. Ganz zum Schluss ging ich noch einmal zum Grab. Meine kleine Nichte und ich ließen einen Luftballon mit Toms Namen fliegen. Wir alle schauten ihm nach und wussten, dass er seinen Weg zu Tom finden würde.


___________________________________________________________________________________

Dein-Sternenkind - es ist nicht erlaubt, diese Texte zu kopieren und sie an anderer Stelle zu verwenden!

Gewinner des Publikumspreises 2017 vom




Gewinner Publikumspreises 2017 Smart Hero Award