"Gleich ist es vorbei"

"Gleich ist es vorbei"


Jonas Fabian

Er war da, alles war gut… und doch war diese schier heile Welt schnell getrübt…

Ich liege hier in einem Untersuchungszimmer auf der Liege. Davor habe ich den Raum für mich hergerichtet. Ich hatte eine Kerze dabei und ein Foto. Darauf zu sehen sind ich mit meinem Babybauch und meine zwei Männer, mein Mann und mein Sohn, die den Bauch gerade küssen. Ich sehe sie dabei liebevoll an. Mit meinen Affirmationen im Kopf, die ich mir eigens für diesen Eingriff erarbeitet habe, liege ich hier, wissend, was passieren wird. Für diesen Eingriff habe ich mir den Arzt gewählt, bei dem ich ganz intuitiv still werde, mich entspannen kann, dem ich vertrauen kann. Trotzdem ist es eine absurde Situation. Mein Mann und ich sind hier, um unser Kind töten zu lassen. Wir kommen sogar freiwillig. Von außen kaum zu verstehen, wenn man die Geschichte – den Weg, der davor liegt, nicht kennt.

Der Arzt ist sich bewusst, was er gleich tun wird. Er ist fokussiert und richtet für sich seinen Rahmen ein. Auch er braucht seinen Arbeitsplatz und seinen Schutz. Das macht die ganze Situation wieder echt, authentisch. Keine emotionskalte Fließbandarbeit… NEIN, hier geht es um ein Menschenleben – und das wird durch ihn beendet.

Unser Kind hat eine gravierende Form der Glasknochenkrankheit. Ein Gendefekt, der hier in einer Schwere auftritt, die es unserem Kind unmöglich macht, außerhalb meines Körpers zu leben. Die Knochen viel zu weich, der Brustkorb zu eng, Deformierungen an Rippen und Armen und Beinen. Das kurze Leben wäre geprägt von Knochenbrüchen schon in meinem Körper, multiplen Knochenbrüchen während des Kaiserschnitts und einem Lungenversagen ab dem Zeitpunkt des ersten Atemzugs. Was sonst noch dazukommt, können und wollen wir uns gar nicht weiter erdenken. Alleine diese Vorstellungen reichen uns schon, hat uns zum Entschluss kommen lassen, dass es das Beste für ihn sein wird. Die Bilder, die in unseren Köpfen bereits da sind, reichen aus: Ein kurzer Druck mit dem Schallkopf auf den Schädel unseres Sohnes und er verformt sich. Zuviel Druck auf einen Arm und er bricht. Und das durch meinen Körper hindurch. Wie könnte ich ihn schützen, wenn sein Bauplan so durcheinander gekommen ist?

Dann der Stich. Er geht ins Herz, denn die Nabelschnur ist in der Lage, in der sich Jonas Fabian befindet, nicht zu erreichen. Mein Kind hüpft in meinem Bauch, ich spüre es, doch ich beruhige ihn. „Gleich ist es vorbei“, sage ich ihm und mir. Habe ich das gerade wirklich gemacht? Ist das mein Ernst? Ich überprüfe meine Gedanken, gehe alles nochmals durch und höre wieder den Satz in meinem Kopf: „Gefühle von Schuld oder Ablehnung haben keine Chance sich in meine Gedanken einzuschleichen, denn durch meine bewusste Entscheidungsfindung stehe ich hinter diesem Vorgang“. Ja, die Entscheidungsfindung war lang und intensiv. Es gibt keinen Happy-End-Plan-B. Ich atme weiter entspannt ein und aus. Dann spüre ich Stille und sage: „Jetzt spüre ich nichts mehr“. „Genau“, sagt der Arzt, „es ist vorbei“. Alle Anwesenden sind leise, ich darf mir Zeit nehmen. Mein Mann sitzt nach wie vor an meiner Kopfseite. Wir sind gewahr, was gerade passiert ist, doch gleichzeitig wirkt es wie ein Traum – wie Einbildung. Es folgen Tränen, Berührungen. Ich brauche nochmals meine Affirmationen, damit ich meinen Fokus halte, meine Absicht dahinter erfasse und meine Liebe zu meinem Kind und zu mir spüren kann. Mein Mann und ich liegen auf der Liege und halten uns. Halten uns, bis wir die Kraft haben nach Hause zu fahren und unsere Trauer zu fühlen; den Prozess, der schon vor vielen Wochen kleinweise begonnen hat, zu fühlen und zu leben.

Ich habe ganze fünf Tage, um Abschied zu nehmen und mich auf die stille Geburt vorzubereiten. Durch die Gespräche mit meinen betreuenden Ärzten haben wir eine Vorgehensweise gefunden, die für sie als Ärzte und mich als trauernde Mutter sicher und sinnvoll ist. Doch ich brauche sogar nur drei Tage. Schon in der Nacht auf den dritten Tag spüre ich: „Es ist soweit. Ich bin bereit für die Geburt meines toten Kindes“.
Ein letztes Bad mit vielen Kerzen, in der Dunkelheit und mit einem wunderbaren Lied - liebevoll von meinem Mann vorbereitet. Ich kann viel weinen, negative Gedanken und Schuldgefühle loslassen. Weine um mein Kind, um mich, um alle Frauen, die ihre Kinder verloren haben. Ich weine, bis ich fertig bin. Dann die Klarheit - jetzt kann ich in die Klinik fahren.
Die Einleitung ist gut zu handeln. Mit HypnoBirthing bin ich gut vorbereitet auf die Geburt meines Sohnes, auf meine Geburt als Mutter eines Sternenkindes in der 23. Schwangerschaftswoche. Nach Einnahme der zweiten Tablette kommen die Wellen sehr schnell und intensiv, minütlich für fast vier Stunden. Diese Intensität und Schnelligkeit brauchen viel Aufmerksamkeit und Fokus von mir. Mal überfordert es mich, macht mich wütend, mal bin ich froh, dass meine Gedankenwelt kaum Zeit hat, um mit mir in Kontakt zu treten. Ich bin bei meinem Körper, die Außenwelt sehr weit weg. Doch ich fühle mich nicht allein, ganz im Gegenteil. Ich spüre Halt, Liebe und eine Kraft, die mich wachsen lässt. Jeder Kontakt ins Außen bringt mich weg vom Spüren, vom Öffnen, dann kommt wieder die Wut.
Und plötzlich wird es ganz still – eine gefühlte Ewigkeit nach so vielen Stunden des Weit werdens. Ich warte, rufe meinen Mann zu mir in die Dusche. Ich spüre die Beine meines Sohnes. Mein Körper schiebt mit einer Leichtigkeit, mit einer Ruhe, fast friedlich. Komplette Entspannung fließt durch meinen Körper und bringt den Satz: „Jetzt ist es soweit. Halte deine Hände auf“. Mein Mann, Jonas Fabian und ich. Nur wir drei. So ein inniger Moment. Es scheint, als würde für einen Augenblick die Erde still stehen. Ich atme tief durch und bin voller Dankbarkeit und Liebe. Es ist geschafft. Mein Mann erwartet ihn mit seinen Händen, gibt ihm den Halt, den ihm sein eigener Körper nicht geben kann. Sein Leidens- und Lebensweg sind hiermit abgeschlossen. Es ist Sonntag, der 3. Oktober 2021.
Als er geboren ist, kommen die Gefühle und das Gewahr werden seiner Erkrankung; wir können es be-greifen. Ich trete wieder ins Außen. Mein Gott bin ich müde – und erleichtert!
Bereits 45 Minuten nach der Geburt kommen die Sternenfotografen. Ein Ehepaar, das sich dem Thema Sternenkinder leidenschaftlich angenommen hat und für Österreich viel vorantreibt. Sie bringen Wertschätzung, Mitgefühl, Liebe und eine Klarheit mit sich, die mich sofort entspannen lassen. Ich spüre ihre Anteilnahme im Gespräch, sie wollen authentische Begegnungen… so wie ich. Behutsam nähern sie sich Jonas, ziehen ihn an. Jedes Foto braucht eine spezielle Energie. Für uns – als Erinnerung. Es sollen Erinnerungen sein, die uns Liebe ins Herz zaubern. Sie erfüllen diese ehrenamtliche Aufgabe mit einer Professionalität und Hingabe, wie ich sie selten erlebt habe.
Mich erfüllen so viele Gefühle auf einmal: Liebe, Dankbarkeit, Erschöpfung, Trauer…

DANKE JONAS FABIAN!
DANKE FÜR DIE FÜNF MONATE, DIE DU MIR UND UNS ALS FAMILIE GESCHENKT HAST.

Jonas Fabian Hirsch

Gestorben am 29.9.2021 (Fetozid)
Geboren am 3.10.2021 (stille Geburt)
Eltern: Christine und Daniel
Bruder: Leonidas


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