Ela - ich muss sie nochmal sehen

Ela - ich muss sie nochmal sehen


Unsere Ela ist am 14.05.2010 am zuerst errechneten Geburtstermin tot auf die Welt gekommen, am korrigierten Geburtstermin wurde sie beerdigt. Nachdem ich sechs Jahre versucht habe, schwanger zu werden, war es fast schon klischeehaft: nachdem wir aufgegeben hatten, wurde ich schwanger, nach einer bilderbuchhaften Schwangerschaft habe ich in der Nacht zum 13.5. bemerkt, dass sich Ela - wie üblich immer Nachts zwischen 3 und 4 Uhr - nicht bewegt. Wir hatten jederzeit mit der Geburt gerechnet, also dachten wir, sie hat nicht mehr genügend Platz und es wird schon alles in Ordnung sein. Dennoch wollte ich sicher gehen und wir sind in die Klinik gefahren...was danach Geschehen ist, habe ich als Text in den Anhang. Schreiben ist für mich Therapie. Ich denke, so habe ich das alles "überlebt".

Damals gab es DEIN Sternenkind noch nicht. Ich hatte aber eine Nachbarin, die uns in der Klinik Beistand und sie hatte einen Fotoapparat dabei...so sind wenige Bilder entstanden, die für immer bleiben. Der Fußabdruck, den uns die Hebamme auf einem Blatt Papier mitgegeben hat, ist verblichen...

So, wie sich das leere Blatt füllt, füllt sich die Leere in mir. Mit jedem geschriebenem Wort, finde ich ein Stück von mir wieder. Bald, bin ich ganz. Übersät mit Narben, aber ganz.

13.05.2010

Ich schwebe im luftleeren Raum. Finde keinen Halt. Weder links, noch rechts. Weder oben, noch unten. Ob ich von unten Halt will? Ich denke nicht. Aber mit oben habe ich gerade meine Probleme. Ich hatte als junge Frau immer wieder den gleichen Traum. Ich schwebe im luftleeren Raum und werde immer kleiner, bis ich mich auflöse. So fühle ich mich. Unsichtbar. Unnütz. Unnahbar. Unfähig. Irgendwas ist falsch gelaufen. Aber warum? Wer ist schuld? Bin ich es etwa? Habe ich Unrecht getan? Ist dies eine Strafe? Wer gibt mir Antworten? Mitten im Leben. Cut. Es lief bisher alles wie am Schnürchen. Trotz widriger Umstände „Karriere“ gemacht. Tolle Eltern, tolle Freunde und dann noch einen tollen Mann. Immer den richtigen Job zur richtigen Zeit. Ich war immer Gottes geliebtes Kind. Und jetzt? Liebt mich Gott nicht mehr? Weshalb muss ich das erleben, was ich gerade durchmache? Oder mache ich das alles durch, weil er mich liebt? Soll meine Seele daran reifen? Immer wieder Fragen, auf die ich wohl keine Antworten bekommen werde. Oder doch? Die Worte der Ärztin dringen in meinen Schädel und hallen dort. Alles leer. Mein Gehirn weicht dem Wahnsinn, den ich gerade durchmache und lässt ihm gewähren, doch meine Seele schaltet auf Notprogramm. Ich nehme nur das Nötigste wahr. Gefühle ausgeschaltet. Irgendetwas in mir wehrt sich noch. „Sie müssen sich irren“ höre ich mich sagen. Um auch die letzte Hoffnung im Keim zu ersticken, werde ich in ein anderes Zimmer gebracht. Es soll ein Ultraschall an einem „empfindlicheren“ Gerät gemacht werden. Die Nabelschnur leuchtet blau und rot. Der Tod kann nicht lange her sein. Aber auch hier kein pochen auf dem Bildschirm. Sie hat mich verlassen. Ein paar Tage vor dem Entbindungstermin.

Das, was von mir übrig ist, wird auf ein Bett befördert. Ich soll mein totes Kind „natürlich“ entbinden. Zur normalen Geburtsrutine gesellt sich Mitgefühl. Die Hebammen geben sich Mühe, mir die bevorstehende Geburt so „leicht“ wie möglich zu machen. „Wieso machen sie keinen Kaiserschnitt?“ ist meine Reaktion. Nach einem kurzen Gespräch mit der diensthabenden Ärztin und einem langen „Spaziergang“ mit meinem Mann sehe ich es ein, dass es für den Abschied besser wäre. Ich verlange von der Hebamme Stift und Papier. Es muss raus. Die Gedanken werden mich sonst umbringen. 11:07 Uhr Einleitung.

Es ist kurz vor Mitternacht. Die Einleitung wird gestoppt. Ich soll vor der Geburt nochmal Kraft schöpfen. Woraus denn? Da, wo vorher Wehenmittel floss, fließt jetzt ein Wehenhemmer. Am Nachmittag um 16:10 Uhr entlasse ich den toten Körper meiner Tochter 29 Stunden nach der Einleitung. Ela wird geboren. Bildhübsch. 3680 Gramm schwer und stolze 57 Zentimeter groß. Sie ist noch warm, als sie mir auf den Schoß gelegt wird. Wie kann man Freude und Trauer zeitgleich erleben?
Trotz der ausführlichen Antwort, stelle ich die Frage erneut. Weshalb bist du gegangen? Da liegt dein Körper nun in meinen Armen. Schöner, als ich mir dich je erträumt hätte. Dicke Backen, Stupsnase, ein kleiner, herzförmiger Mund. Dunkelrot. Rosa sollte er sein. Ich sitze stundenlang mit ihr in den Armen da. Kann mich nicht bewegen. Will mich nicht bewegen. Will sie nicht hier in der Klinik lassen. Mein Mann, der mich mit der Sensibilität eines Seelsorgers durch die vergangene Stunden begleitet hat, nimmt sie auf den Arm. Er setzt sich auf einen Stuhl und fällt zusammen. Wie ein misslungenes Souffle. Fünf Stunden nach der Geburt verlassen wir den Kreissaal.

Vorher versichere ich mich, dass ich meine Tochter morgen nochmal sehen darf. Wir fahren zu meinen Eltern. In die eigene Wohnung kann ich jetzt nicht. Ich ertrage es nicht, die Spieluhr, die auf der Couch liegt, zu sehen. Ihr Zimmer ist komplett eingerichtet. Ach Ela, weshalb bist du gegangen. Werde ich mir diese Frage mein Leben lang stellen?
Ich will alleine sein. Ich gehöre nicht zu den Menschen, die in der Trauer Beistand brauchen. Nur mein Mann und meine Mutter haben Zugang zu mir. Ich sehe auf meinen Bauch. Der ist leer. Neun Monate war er mit Leben gefüllt. Jetzt ist alles Leben aus mir entwichen. Es ist Samstag. Wir fahren in die Klinik, um inmitten von Babygeschrei unser lebloses Kind zu sehen. Sie wurde gekühlt. Ihr Körper ist steif. Ich ziehe den Strampler der Klinik aus und ziehe ihr den weißen Strampler an, der für den Nachhauseweg gedacht war. Sie hat eine Windel an. Ich bin der Hebamme, die sie so respektvoll behandelt hat, unendlich dankbar!

Nach ein paar Stunden sehe ich es ein, dass ich mich von dem Körper meiner Tochter verabschieden muss. Die Hebamme fragt mich, ob wir sie morgen nochmal sehen wollen. Sie müsse langsam in die Pathologie. Der Sonntag ohne sie ist grausam. Ich rufe am Montag die Friedhofsverwaltung an und frage, wann meine Tochter von der Klinik abgeholt wird. Ich muss sie nochmal sehen. Ich habe vergessen, ihre Füße zu küssen. Ich werde nie wieder die Chance dazu haben, wenn sie beerdigt ist. Ela wird aufgebahrt. Ich sehe ihren Körper im Sarg und vergesse zu atmen. Bis sich mein Körper daran erinnert.


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