Noel - keiner weiß warum

Noel - keiner weiß warum

Jede Geschichte, die ich hier lese, bewegt mich sehr und gibt mir gleichzeitig Kraft. Deshalb habe ich mich entschlossen, auch unsere Geschichte mit euch zu teilen. Solche Grenzerfahrungen können wohl nur die wirklich verstehen, die sie selbst erlebt haben. Das Leben ist nicht selbstverständlich, sondern ein Geschenk.

Ich war in der 35. Woche und hatte einen ganz normalen Routinetermin beim Gynäkologen. Leider war die Schwangerschaft nicht so schön, wie meine erste. Aufgrund des drückenden Gewichts der Zwillinge war mein Gebärmutterhals schon sehr zeitig so gut wie verstrichen, sodass ich lange Zeit in der Uniklinik liegen musste. Aber es war nun egal, denn hey - wir waren jetzt 34+4 und das hatte uns keiner zugetraut.

Ich wartete jeden Tag auf die Geburt meines Zwillingspaares und freute mich auf die neue Erfahrung. Meine große Tochter streichelte den Bauch immerzu und begrüßte die Beiden täglich aufs allerliebste.

Und da war ich nun zu dieser Routineuntersuchung. Die Zwillinge lagen immer schon nebeneinander. Beim CTG versuchte die Hebamme die zwei verschiedenen Herztöne zu finden. Aber sie fand immer nur den einen. Nach 45 min erfolgloser Suche brachen wir ab und ich ärgerte mich etwas darüber, dass wir es nicht geschafft hatten. Eigentlich war ich selbst mittlerweile schon Profi im "Herztonfinden". Ich machte mir zu diesem Zeitpunkt immer noch keine Sorgen und fühlte mich total super und bereit für die anstehende Geburt, welche ich unbedingt natürlich wollte. Die Ärztin machte dann einen Ultraschall. Sie fuhr mit dem Schallkopf zwischen den Kindern hin und her, ich achtete gar nicht richtig darauf. Und dann blieb sie lange bei dem Jungen. Irgendwas war anders. Ich schaute sie an und fragte, was los sei. Und sie sagte, dass sie nichts finde. In meinem Kopf kreiselte es. Was fand sie denn nicht? Dann schwenkte sie noch einmal zwischen den Kindern hin und her. Plötzlich, wo ich auf den Monitor blickte, wurde es mir klar. Ich starrte sie an, begann zu zittern und sagte es schließlich selbst. Sein Herz schlägt nicht. Sie sagte nur leise: nein, es schlägt nicht. Mein Körper bebte vor Angst und Trauer und Überwältigung. Ich schluchzte. Mein Sohn, mein Gott, mein Sohn. Wieso schlug sein Herz nicht mehr? Wir waren doch erst vor 6 Tagen zur Untersuchung, da war alles perfekt. Wieso hört ein Herz in der 35. Woche auf zu schlagen?

Ich rief meinen Mann an, der vor der Tür gewartet hatte. Wir weinten und weinten. Dann fuhren wir in die Uniklinik, aber ich glaubte immer noch, dass es nicht stimmte. Es würde wieder schlagen, auf jeden Fall.

Ich kann nicht beschreiben, welche Ohnmacht man fühlt, wenn das Kind auf dessen Geburt man wartet, im Bauch verstirbt. Warum? Das fragte ich mich 100 mal. Wieso lässt du deine Schwester zurück? Wieso gehst du jetzt, nach all dem Theater in der Schwangerschaft? Jetzt, wo endlich alles gut war? Wieso gehst du überhaupt? Warum, Warum, Warum?

Wir mussten uns in der Uniklinik entscheiden, ob ich die Schwangerschaft fortführe oder beende. Da keiner wusste, warum mein Sohn so plötzlich verstorben war, wollte ich nur noch eins: wenigstens meine Tochter lebend in den Armen halten. Die Vorstellung, ein totes Baby weiter auszutragen, war für mich unvorstellbar. Auch in Bezug auf den anderen Zwilling.

Und so wurde der Kaiserschnitt (mein persönliches Horrorszenario) für den nächsten Morgen geplant. Auch wenn wir wussten, dass es nicht risikofrei für das Mädchen war, war es doch der einzig denkbare Weg. Die Nacht war warm und irgendwie voller Stille. Ich wünschte mir so sehr, dass das alles ein böser Traum sei.

Mein Mann und ich bekamen ein Familienzimmer auf der Station, auf welcher ich vorher schon lange gelegen hatte. Die Schwestern waren wie immer sehr lieb. Als ich früh abgeholt wurde, fuhr ich unter Tränen in den Kreißsaal. Viele Ärzte, welche ich ja teilweise gut kannte, standen Spalier. Ich fühlte mich kurz, wie in einer Arztserie. Dann ging es los. Da mein Sohn der führende Zwilling war, wurde er zuerst geholt. STILLE. Seine Schwester direkt danach. Als ich ihr Schreien hörte, weinte ich vor Erleichterung.

Lena wurde uns nach Ende der OP gebracht. Sie war so winzig und leicht. Aber gesund und mit etwas Hilfe auch stabil. Wir waren so stolz auf sie. Als Noel später in einem Korb gebracht wurde, wachte Lena das erste Mal auf und wimmerte wie ein Hund. Sie spürte ihn unglaublich. Wir legten die beiden Zwillinge nebeneinander. Lena, die bis dahin nicht einmal die Augen geöffnet hatte, riss sie nun auf und starrte ihn an. Immer wieder versuchte sie ihren Fuß zu ihm zu strecken und sich zu drehen. Diese Minuten waren unbeschreiblich. Sie zeigten diese unglaubliche Verbindung zwischen beiden, auch über den Tod hinaus.

Noel war ein fertiges Baby. Für uns war er perfekt. Es tat so weh, dass er die Augen nicht öffnete. Ich hätte alles dafür gegeben, ihn lebend in meinen Armen zu halten. Selbst zu diesem Zeitpunkt glaubte ich noch, dass er aufwacht, wenn er neben seiner Schwester liegt. Von diesen Wundern hatte man doch gehört. Bis heute wissen wir leider nicht, warum er zu den Sternen ging. Er war gesund und es gab auch sonst nichts.

Das Personal der Uniklinik kümmerte sich rührend um uns. Sie bestellten auch unsere tolle Sternenfotografin. Wir sind dankbar, sehr dankbar, dass wir diese Bilder von ihm behalten werden. Dass wir die Bilder unserer Tochter zeigen können. Dass sie selbst sehen kann, wie magisch ihre Momente auf dieser Welt waren.

Er hat seinen Platz zu jeder Zeit in unserer Familie. Und das ist wichtig. Ihn aktiv ins Leben zu integrieren, statt die Sache zu verdrängen. Ein Zwilling ist nie allein.


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