28.04.2019 - Lenes errechneter Entbindungstermin

28.04.2019 - Lenes errechneter Entbindungstermin


Es ist Lenes errechneter Geburtstermin.

Ich liege im Bett. Ich bin zu nichts in der Lage.

Habe keine Perspektive.

Ich fühle mich so abgeschnitten von meinem Leben.

So alleine. Alles ist anders.

Wir sollten jetzt zu viert sein.

Und jetzt bin ich alleine.

Lisa schreibt jeden Morgen und wünscht mir Kraft für den Tag.
Jeden Abend schreibt sie, dass ich einen weiteren Tag geschafft habe.
Und dazwischen schreiben wir eh.

Und trotzdem- mein altes Leben ist auf einmal weg.

Ich habe nicht das Gefühl, dass ich jemals wieder dorthin zurückkann. Wie denn auch, ohne mein Baby.

Ich habe das Gefühl, keiner versteht mich.

Dass bei allen alles gut läuft, außer bei mir.

Was habe ich eigentlich getan, dass ich das verdient habe?

Es ist Sonntag. Morgen ist die Beerdigung.

Mein Mann macht mir Vorhaltungen, was er alles macht und ich nicht.

Wirft mir vor, dass er noch nicht zum Trauern kam.

Meine Schwiegermutter ist da und will am Dienstag wieder abreisen.

Mein Mann will nach nächster Woche wieder arbeiten gehen.

Ich bitte ihn, mindestens noch zwei Wochen zuhause zu bleiben.
Ich kann mich nicht um Blümchen kümmern.
Ich schaffe das weder körperlich noch emotional.

Absolut nicht.

Ich kann Blümchen gerade nicht um mich haben.
Und sie geht mir aus dem Weg.

Noch eine enge Beziehung, die plötzlich gekappt ist.

Die engste. Ich fühle mich so elend.

Ich bin doch trotzdem im Wochenbett. Und dann noch dieser Riesenverlust.
Ich kann nicht zur Tagesordnung übergehen.

Ich habe das Gefühl, keine Wahl zu haben.

Wenn er wieder arbeiten geht, dann muss ich es ja machen.
Ich bin noch nicht so weit.

Ich will einen Therapeuten. Aber selbst, wenn ich einen fände, hätte ich ja keine Zeit, hinzugehen. Wenn ich dann wieder alles hier übernehmen muss.

Mein Mann sagt, es geht nicht länger krank zu sein wegen seinen Kollegen.

Es waren doch zwei Monate Elternzeit geplant, da hätten die das auch ohne dich geschafft, sage ich.

Es bringt nichts. Er sieht nicht ein, noch länger zuhause zu bleiben.

Es zerstört mich. Wie kann es denn sein, dass seine Kollegen wichtiger sind als ich?
Ich bin doch seine Frau.

Ich hatte gerade eine große OP. Bin weit davon entfernt, fit zu sein.

Es geht doch auch um Blümchen. Sie muss doch auch gut versorgt sein.

Ich habe das Gefühl, dass er gar nicht einsieht, seine Krankschreibung zu verlängern, weil er mir dadurch etwas Gutes tun würde. Er davon selbst aber nichts hat.

Ich glaube, er will mir aus dem Weg gehen.

Ich verstehe nicht wieso. So überstehen wir das nicht.
Wann machen wir das endlich gemeinsam?

Lisa schlägt vor, eine Haushaltshilfe zu organisieren.

Sie telefoniert am nächsten Tag mit ihrem Hausarzt und macht alles klar.
Ich muss nur noch anrufen und einen Termin ausmachen.

Ich bin ihr so dankbar. Mal wieder.

Ohne sie hätte ich mein Kind vielleicht nie gesehen. Nie gehalten. Keine Fotos. Keiner würde nach mir fragen.

Und ich müsste wieder alle Familienaufgaben übernehmen, obwohl ich nicht kann.

Ich bin erleichtert. Eine Perspektive.

Ich bin ab übernächster Woche nicht allein. Muss nicht alles schaffen.

Trotzdem bin ich so enttäuscht. Warum ist meinem Mann so egal, was ich brauche?

Warum ist nur wichtig, dass er arbeiten gehen will?
Warum ist nur wichtig, dass er keine Nähe will?
Wir sind über 10 Jahre zusammen.

Es ist das erste Mal, dass ich zusammenbreche.

Immer habe ich alles getragen. Ihm Zusammenbrüche ermöglicht.

Und jetzt lässt er mich so hängen.
Ich wünschte, er würde nur einmal übernehmen.

Nur einmal. Weil ich wirklich nicht kann.

Vielleicht ist es auch besser, er geht wieder arbeiten.
Dann muss ich mir wenigstens nicht den ganzen Tag Vorwürfe anhören.

Morgen ist die Beerdigung.

Ich muss mein Kind vergraben.

Wie unmenschlich.

Ich schaffe das nicht.

Ich kann das nicht.




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