Jacob- bis zuletzt gekämpft ...

Jacob- bis zuletzt gekämpft ...



Als ich in der 11. Woche Schmierblutungen bekam blieb mir der Atem stehen. Eine Freundin hatte kurz vorher ihr Kind mit ähnlichen Symptomen verloren.
Also lies ich mir einen Termin bei meiner Frauenärztin geben. Zum Glück war alles gut, das Baby war auch gut gewachsen. Die Blutungen aber blieben. An einem Wochenende bekam ich Schmerzen dazu, also fuhr ich vormittags zum Hausarztnotdienst. Die Arzthelferin lies mich einen Urintest machen und meinte dann, sie vermute eine Blasenentzündung. Der behandelnde Arzt schickte mich dennoch ins Krankenhaus. Ich stand gerade am Eingang um meine Maske aufzusetzen, als ich spürte wie ein Schwall Blut aus mir heraus schoss.
Mir wurde schlecht und in mir stieg Panik hoch. Ich wurde aufgenommen und zum Kreißsaal geschickt. Dort musste ich ewig vorm Eingang warten. Ich war kurz vorm Hyperventilieren. Der Arzt untersuchte mich und ich blutete immer noch stark.
Aber: dem Baby ging es gut. Jedoch stellte der Arzt eine placenta praevia fest (vorgelagerte Plazenta), welche die Blutungen verursachte. Ich musste im Krankenhaus bleiben und Bettruhe halten. Mein Mann und meine Tochter durften mich aufgrund der Corona-Beschränkungen nicht besuchen.
Es gab keine erneute Blutung, dem Baby ging es gut. So durfte ich nach ein paar Tagen wieder heim. In der darauffolgenden Woche hatte ich einen Termin bei meiner Gynäkologin. Sie stellte zusätzlich einen verkürzten Muttermund fest, aber nach wie vor ging es dem Baby hervorragend. Ich gab meiner Gynäkologin den Brief von meinem Arzt aus dem Krankenhaus, sie las ihn sich durch. Ich selbst erhaschte einen kurzen Blick mit der Diagnose: Abortus immens. Das Wort Abortus kannte ich, dachte aber nicht weiter darüber nach. Erst später sollte es mir wie Schuppen von den Augen fallen.
Ein paar Tage nach dem Besuch bei meiner Frauenärztin bekam ich erneut Blutungen, trotz Schonen, und starke Schmerzen. Nachts fuhr ich mit gepackter Tasche wieder ins Krankenhaus und hatte da schon so ein Abschiedsgefühl in mir. Zudem fühlten sich die Schmerzen jetzt eher wie Wehen an. Dem Baby ging es auch diesmal gut. Ich blieb also wieder im Krankenhaus und durfte nicht aufstehen. Mental ging es mir sehr schlecht, ich hatte durchgehend Schmerzen und die Blutungen wurden nur langsam weniger.

Am 3. Tag im Krankenhaus fingen die Schmerzen nach dem Frühstück wieder richtig heftig an. Ich wusste sofort, dass es Wehen waren. Ein Arzt gab mir Wehenhemmer und war endlich der erste Arzt, der mit mir offen sprach: dass die Wahrscheinlichkeit einer Fehlgeburt groß sei und man das bei meiner Diagnose schon länger vermutete. Zwar knallte er mir das in einem sehr ungünstigen Moment an den Kopf, aber ich war froh, dass endlich mal jemand Klartext mit mir redete. Da wurde mir auch klar was die Diagnose auf dem Arztbrief bedeutete.
Die Schmerzen ließen leicht nach. Kurze Zeit später kamen die Wehen aber zurück. Ich rief eine Schwester. Die holte wieder den Arzt und er wollte in meinem Zimmer einen Ultraschall machen. Ich drehte mich wegen der Schmerzen auf die Seite und spürte wie meine Fruchtblase platzte. Der Arzt kam und ich sagte ihm, was passiert war. Er schallte meinen Bauch und sagte mir, dass unser Kind bereits in der Vagina lag. Ich konnte dennoch seinen Herzschlag sehen.

Wenige Minuten später brachte ich unseren kleinen Jacob in der 15. SSW still auf die Welt. Ich weinte bitterlich. Meinem Mann konnte ich nur kurz vorher eine Nachricht schicken. Aber er hätte wahrscheinlich eh nicht bei mir sein dürfen. Ich schaute mir den kleinen Mann kurz an, dann nahm ihn die Schwester mit. Der Narkosearzt kam, die Ärzte besprachen mit mir die Ausschabung. Eine Schwester blieb bei mir und trauerte mit mir bis ich zur OP abgeholt wurde. Als ich wieder auf meinem Zimmer war telefonierte ich mit meinem Mann. Eine Schwester brachte mir Infomaterial für eine Beisetzung in einem Sammelgrab. Danach wollte ich mein Kind bei mir haben.

Ich streichelte ihn, kuschelte ihn, hielt ihn fest. Mein Mann durfte leider nicht zum Abschied nehmen kommen. Ich machte selbst Fotos von dem Kleinen, da ich leider nichts von Dein-Sternenkind zu dem Zeitpunkt wusste. Danach war für mich die Entscheidung gefallen Jacob auf dem Grab meiner Schwiegermutter beisetzen zu lassen. Mein Mann rief deswegen die Bestatterin an, die alles in die Wege leitete. Ein paar Stunden später fuhr ich alleine nach Hause. Ich fühlte mich hundeelend und total leer. Als unsere Tochter im Bett war gaben mein Mann und ich uns der Trauer hin. Ich zeigte ihm die Fotos und wir weinten und redeten.

Am Tag drauf kam die Bestatterin und besprach mit uns die Beisetzung. Wir wollten nur eine Stille und kleine Zeremonie. Wir suchten eine Urne aus und ich fuhr später an dem Tag zu einem Floristen um Blumenschmuck zu bestellen. Ich fühlte mich wie ein Roboter, als würde ich neben mir herlaufen und mir dabei zusehen wie ich nur funktionierte. Die Tage vor der Beisetzung waren furchtbar. Die Sehnsucht nach meinem Kind war so unglaublich stark. Ich war so froh, dass meine Tochter da war und mich ablenkte. Am Tag der Beisetzung ließen mein Mann und ich gemeinsam die Urne mit unserem Kleinen ins Grab hinab und die Bestatterin las aus dem kleinen Prinzen vor.
Als hätte sie meine Gedanken gelesen, hatte sie genau die Stellen vorgetragen, die ich an dem Buch so liebe. „und wenn du des nachts den Himmel anschaust, dann wird es dir sein als lachten alle Sterne, denn auf einem von ihnen wohne ich, auf einem von ihnen lache ich“.
Ich legte noch einen kleinen Teddybären und einen Abschiedsbrief ins Grab. Wenn ich jetzt an meinen Sohn denke, dann empfinde ich zwar Trauer, aber auch unglaublich viel Dankbarkeit. Wir haben in unserem Haus im Flur einen aufgemalten Baum, an dem in apfelförmigen Rahmen Bilder von unserer Familie hängen. Jacob hat auch einen bekommen, denn er wird für immer ein Teil unserer Familie sein.


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