Wir lieben dich Miko

Wir lieben dich Miko


"Ich kann keinen Herzschlag mehr erkennen."
Das war der Satz, der mir den Boden unter den Füßen weggerissen hatte.

Anfang 2018 waren mein Mann und ich 10 Jahre zusammen und 2 davon verheiratet. Von Kindern hatten wir schon oft gesprochen, aber irgendwie stimmte es nie so ganz. Entweder war der Job nicht sicher oder man zweifelte an sich und den zukünftigen Kompetenzen ein Elternteil zu sein.
Doch dann, recht kurz nach meinem 25. Geburtstag, hatten wir den Entschluss gefasst.
Wir wollten ein Kind.
Kaum 3 Monate später stand ich mit einem positiven Schwangerschaftstest auf dem Balkon und wartete, dass mein Mann von der Nachtschicht kam. Er sollte der erste sein, der es erfährt.
Die Freude war groß und der Termin beim Frauenarzt schnell gemacht. Arbeiten gehen in einer Kita war schließlich jetzt nicht mehr möglich.
Ich habe das Gefühl schwanger zu sein sehr geliebt. Im Spiegel fand ich mich von Tag zu Tag schöner und redete fast unentwegt mit meinen Kind. Zugegeben ich habe nicht viel essen können, habe abgenommen und musste mich oft übergeben. Aber ich nahm es in Kauf.
Wir tauften es Knöpfchen. Irgendwie wusste ich, dass es ein Mädchen war. Es war so ein Bauchgefühl, dass sich manifestiert hatte.
Bis zur 16.SSW war jeder Termin so wie es sein soll.
Unser Kind wuchs, auch wenn es sich eher wenig im Ultraschall bewegte. Aber ich dachte, dass es wohl einfach etwas faul wäre. Diese Kinder gibt es ja.
Die ersten Bewegungen spürte ich recht früh, wenn auch sehr zart.
Als ich zum ersten Mal die Herztöne hörte, fing ich vor Freude an zu weinen. Dieses kleine Herz pochte so stark und gleichmäßig, wie ein gallopierendes Pferd. Ein tolles Geräusch.
Ich war komplett verliebt.
Der nächste Termin stand in der 20.SSW an. Mein Mann konnte endlich mal wieder dabei sein und begleitete mich natürlich auch in den Behandlungsraum.
Als meine Ärztin schallte, sagte sie einige Zeit nichts. Das war ungewöhnlich. Ihr Blick war ernst und ich hatte das Gefühl, dass mein Kind sehr gekrümmt da lag.
"Sie haben zu wenig Fruchtwasser. Und Ihr Kind ist zu klein, etwa 3 Wochen in der Entwicklung zurück.", sagte sie plötzlich. Unser Kind war förmlich eingequetscht, weil kaum noch Platz war.
Ich bekam eine Gänsehaut und mein Magen krampfte sich zusammen.
Mit einer Überweisung zu einer frühzeitigen Feindiagnostik wurden wir entlassen. Eigentlich hatte ich den Termin schon und musste nun so schnell es geht eher hin.
Als mein Mann und ich den Fahrstuhl betraten, konnte ich nur noch weinen.
Bei der Feindiagnostik dann nochmal das selbe Ergebnis. Mein Kind wurde nicht gut versorgt und uns wurde verständlich gemacht, dass es durchaus auf eine Fehlgeburt hinauslaufen kann. Ich bekam ein Off-Label Medikament, das die Durchblutung steigern sollte. Zwei Wochen später war ich wieder vorgeladen. Zwischendurch machte meine Frauenärztin einen Termin. Zur Sicherheit, um zu sehen, ob das Herz weiterhin schlägt. Das Fruchtwasser war minimal besser und unser Kind war ein Stück gewachsen. Nicht viel, aber ich hatte Hoffnung.
Zwei Nächte vor dem nächsten Termin wollte ich nachts auf Toilette und hatte üble Krämpfe im Unterleib.
Mein Kind hatte sich am Tag davor viel bewegt, also dachte ich, es wäre damit im Zusammenhang. An dem Tag danach war es ruhig im Bauch. Ich war viel draußen und versuchte ruhig zu bleiben. Kinder schlafen schließlich, wenn man läuft, richtig?
Dann kam der zweite Termin bei der Feindiagnostik, zum eigentlichen Datum, dass ich schon Wochen zuvor ausgemacht hatte.
Ich war in der 22.SSW, als ich mich auf die Liege legte und zitterte ich.
Mein Mann hielt meine Hand, als wir das Bild auf dem Bildschirm verfolgen.
Ich weiß noch, wie ich dachte "Wo ist das Herz? Ich habe das doch immer sofort gesehen! Die Bewegung davon kann man doch nicht übersehen!"
Und dann hörte ich die Ärztin sagen:
"Ich kann keinen Herzschlag mehr erkennen."
Oder so ähnlich. Ich erinnere mich kaum, denn danach wurde alles taub und ich schrie los.
Mein Mann drückte mich an sich, selbst versucht nicht zusammen zu brechen.
Als ich nicht mehr schrie, kam meine Mutter rein, die spontan dazu kommen wollte.
Ich konnte nur noch den Kopf schütteln und sie wusste was passiert war.
Dann wurde mir schlecht. Ich erbrach mich mitten im Raum und konnte nur noch an eines denken. Ich wollte mein Kind sehen und halten!
Nachdem ich mich etwas beruhigt hatte und mein Mann, selbst blass und stumm, mich ins Nebenzimmer zur Ärztin zog, kamen die unbequemen Fragen.
Wie ging es weiter?
Klinik.
Und dann?
Entbindung. Entweder OP oder per Einleitung.
Ich wollte dir Einleitung.
Auf dem Weg zur Klinik rief ich meine Schwester auf Arbeit an.
Mehr als "wir haben Knöpfchen verloren.", konnte ich nicht sagen.
In der Klinik gab es Tabletten und nach zwei Tagen sollte ich wieder kommen. Ich sollte mich bei dein Sternenkind melden, wenn ich Fotos wollte. Natürlich wollte ich die und ich rief noch am selben Tag an.
Von den Tabletten wurde mir schlecht und ich habe immer wieder erbrochen.
Dann kam der Tag...
Wir fuhren früh in die Klinik. Mein Mann hatte sich frei geben lassen, um bei mir zu sein.
Ich wurde aufgenommen, bekam ein Zimmer und die Gynäkologin klärte mich über alles auf.
Als ich fragte, ob ich mich wirklich für Kreißsaal oder OP Raum entscheiden müsste, schüttelte sie erstaunt den Kopf.
"Das machen wir in Ruhe hier im Zimmer."
So komisch es klingt, aber der Satz beruhigte mich. Nach dem Mittag ging es los. Mit etwas Oxytocin und Tabletten wurde eingeleitet.
Es war eigenartig. Wir wussten, dass unser Kind nicht lebend zur Welt kommen würde und dennoch waren wir auf eine eigenartige Weise euphorisch. Wir lachten sogar ab und zu miteinander.
Einige Stunden dauerten die Wehen, ehe 22:30 Uhr meine Tochter still geboren wurde.
Ich habe den Schwestern sofort gesagt, dass ich sie sehen will. Ihre Blicke waren unsicher, ob das eine gute Idee war.
Unsere Tochter war in der Entwicklung 4 Wochen zurück und ihre körperliche Struktur weich und instabil. Sie glaubten, dass ich das nicht aushalten könnte. Mein Mann setzte sich für mich durch und so bekam ich meine Tochter in einer kleinen Schüssel in den Arm gelegt.
"Hey, Baby.", flüsterte ich ihr zu.
Dann ging es für mich zur Ausschabung.
Gegen Mitternacht war ich wieder auf unserem Zimmer. Der Fotograf war schon da und kümmerte sich liebevoll um unser Kind.
Und dann endlich konnten wir sie halten. Es war ein seltsam friedlicher Moment.
Unsere Tochter war für mich so wunderschön und ihre kleine Hand zu halten, war mir so unendlich wichtig. Ich wollte sie nicht einfach gehen lassen, ohne ihr zu zeigen, dass wir sie lieben und immer lieben werden.
Und ich bin unglaublich dankbar für die Bilder, die ich von ihr bekommen durfte.
Knapp 11 Monate nach dem Verlust unserer Miko kam ihre Schwester auf die Welt.
Nachdem bei mir einige Erkrankungen festgestellt wurden, die Schuld waren an der Fehlgeburt, unterstützten mich eine ganze Reihe von Ärzten damit wenigstens meine zweite Tochter eine Chance hatte.
In der 36.SSW wurde sie auf die Welt geholt, nachdem ich das HELLP Syndrom ausgebildet hatte. Sie war klein und leicht, aber gesund.
Ich bin mir sicher, dass Miko auf ihre Schwester aufgepasst und ihr den Weg gezeigt hat. Und dafür bin ich ihr dankbar.

Wir lieben dich, Miko.



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