​Leergeweint. Abschied von Gundi

​Leergeweint. Abschied von Gundi

Gundis Herz hatte in der 37. SSW aufgehört zu schlagen – einfach so. Eigentlich war alles schon auf der sicheren Seite. Die Eltern hatten begonnen, die Tage zu zählen, bis sie Gundi im Arm halten würden. Alles war bereit und fertig. Gundi wäre zwei liebenden Eltern in den Schoß gefallen. Und dann die Nachricht, dass alles ganz anders sein würde.

Als ich im Krankenhaus ankam, lagen Mama und Papa auf zwei zusammengeschobenen Betten. Und wie das manchmal so ist: Man begegnet den Eltern am "Nullpunkt". Der Druck, die Anspannung, die erste Welle von Schmerz und Aufbegehren sind vorüber. Dazu die Müdigkeit nach dem langen und zermürbenden Warten bis zur Geburt. "Wir sind leergeweint", sagt der Papa. Und mehr war wohl auch nicht zu sagen. Gundi hatten sie nach der Geburt schon eine Weile bei sich gehabt. Für die Fotos wird sie noch einmal gebracht. Die Eltern sind im Tunnel. Sie nehmen Gundi aus dem Körbchen und legen sie zwischen sich aufs Bett. Eine Weile lang geschieht gar nichts. Ich beginne mit ein paar Fotos, richte mir die Kamera ein. Eigentlich wollten die Eltern gar nicht mit auf die Bilder, aber irgendwie ist das jetzt auch egal. Ich schaue mir auf dem Display an, was ich da gerade so zusammenfotografiere. Und ja – leergeweinte Bilder. Ich schraube die Makrolinse drauf, in der Hoffnung ein paar schöne Profilbilder von Gundi zu bekommen. Es hat sich ein Ödem über ihrem rechten Auge gebildet, aber sonst liegt sie da als würde sie ganz friedlich schlafen. Ein kleines hübsches Mädchen, das nur noch die Augen öffnen müsste.

Ich frage die Eltern, ob sie ihre Hände um Gundi legen wollen. Dann passiert etwas sehr Schönes. Die Hände der Eltern berühren sich mit Gundi in der Mitte. Für einen Moment sind sie Familie – trotz allem. Als Fotograf, der in vielen Krankenzimmern gestanden hat, spürt man, wenn ein Raum die sterile Atmosphäre verliert und sich eine innere Wärme und Helligkeit auszubreiten beginnt. So auch jetzt. Es sind solche Momente, die dem Verlust nicht seine Traurigkeit, aber seine Letztgültigkeit nehmen. Mit den Bildern im Kasten lasse ich die Eltern wieder allein, obwohl ich selber mit der Situation noch gar nicht fertig bin. Manchmal will man als Fotograf nicht nur einfach Bilder abschicken und fertig sein, sondern wissen, wie es nach einem Einsatz weitergegangen ist. So auch hier. Irgendetwas Besonderes war da, eine Tiefe der Empfindung, die man auch manchen Bildern ansehen konnte.

Eine Woche später melden sich die Eltern wieder. Ob ich bereit wäre, auch die Beerdigung zu begleiten. Ja, unbedingt. Die Beerdigung findet 20 km außerhalb von Leipzig statt, wo man schon ein bisschen auf dem Land ist. Eine alte Kirche mit einem kleinen 'Gottesacker'. Als ich ankomme, ist der Bestatter mit den Vorbereitungen zugange. Gundi wird in einem richtigen Grab bestattet, wie für einen Erwachsenen. Die Eltern kommen mit Gundis Oma. Von anderen Familienangehörigen sind Handabdrücke auf den Sarg geklebt. So ein bisschen habe ich Sorge, dass das jetzt eine ziemlich nüchterne Sache werden könnte. Ein paar Worte des Bestatters, der Weg zum Grab ... . Aber dann gibt es doch eine Überraschung. Da der Papa russisch-orthodoxer Christ ist, ist auch ein Priester mit dabei. Gundi konnte nicht getauft werden, aber dafür gibt es eine orthodoxe Liturgie zur Begleitung der Seele in den Himmel, und diese wurde nun für Gundi gehalten. Schlicht und wunderschön. Irgendwie wünscht man jedem Sternenkind, dass es so auf seine Reise geht.

Ich stehe am Rand, das Klicken der Kamera ist mir fast peinlich. Ich schaue dem Priester zu, wie er mit dem Weihrauchfass um den Sarg läuft. Aber am meisten berühren mich wieder die Eltern. Wie sich die beiden auffangen und gemeinsam einen Weg durchs Tal der Tränen finden, lässt sich nicht in Worte fassen. Aber genau dafür gibt es ja Bilder.

Auf dem Weg nach Hause bin ich dankbar dafür, dass ich diesen Weg bis zum Grab begleiten durfte. So war es auch für mich ein Abschluss und kein anonymes Ende, wie so häufig, wenn man Sternenkinder fotografiert.

Wieder ein paar Monate vergehen. Die Mama schickt mir ein Bild vom Grab, auf dem nun ein großer schöner Stein aufgestellt wurde – oben mit einer Sonne und am Boden mit einem Krokodil auf einer Blumenwiese, so wie auf der Decke, in die Gundi nach der Geburt eingewickelt wurde. In der Mitte steht ihr Name und der Tag, an dem sie still geboren wurde. Nur ein Tag – aber irgendwie auch ein ganzes Leben.


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